Volksmusikmelodien suchen, finden und anhören

Textlich unveränderte Online-Ausgabe des gleichnamigen Artikels von Wolfgang Dreier-Andres, erschienen in der Zeitschrift Salzburger Volks.kultur 43/April (2019), S. 78-81.

www.volksmusikdatenbank.at

Die Volksliedwerke Österreichs und Südtirols betreiben seit 2003 eine riesige gemeinsame Online-Datenbank,  www.volksmusikdatenbank.at, in der unter anderem sämtliche in den Archiven enthaltene Lieder (derzeit 283.000) und Instrumentalstücke (derzeit 77.500) verzeichnet werden.

Diese Datenbank, über die zum Beispiel auch die gesamte Fachbibliothek der Salzburger Volkskultur durchsucht werden kann, präsentierte sich bisher, wie man es von einem Bibliotheks- und Archivkatalog gewohnt war, relativ nüchtern – zu einem einzelnen Lied beispielsweise werden Sammelort und -zeit, Aufzeichner, Vorsänger, Strophenzahl, Tonart, Taktart, Textgattung (Liebeslied, Almlied, etc.) und nicht zuletzt die Archiv- nummer zum Auffinden des Originals festgehalten. Die vollständigen Originale (Text und Noten) sind in den jeweiligen Archiven einsehbar bzw. können gegebenenfalls von diesen angefordert werden.

Schon oft wurden wir im Lauf der Jahre von Recherchierenden gefragt, warum man denn unter www.volksmusikdatenbank.at keine Musik hören und keine Noten sehen könne, wo denn also da die im Namen der Internetadresse angekündigte Musik bliebe? Tatsächlich machte und macht es für die Volksliedarchive wenig Sinn, sämtliche ja ohnehin vorhandenen und einsehbaren Handschriften zu scannen und ins Internet zu stellen – einem riesigen personellen und speicherplatztechnischen Aufwand stünde ein verschwindend geringer Mehrwert an Information gegenüber.

Allerdings wurde im letzten Jahr intensiv daran gearbeitet, die Recherchemöglichkeiten von www.volksmusikdatenbank.at weiter zu optimieren. Zwei Dinge sollten realisiert werden: Zum einen sollte künftig nicht nur nach Liedtexten oder sonstigen Angaben (wie z. B. Polka, zweistimmig, Handschrift, Salzburg, 19. Jahrhundert), sondern auch nach Melodien gesucht werden können. Zum anderen sollten zumindest die ersten vier Takte bzw. das erste Motiv eines Liedes, Jodlers oder Instrumentalstückes als Noten innerhalb der Datenbank dargestellt werden können, ohne allerdings dafür einen Scan des Originals oder eine zusätzliche Notensatzdatei hochladen zu müssen.

Noten sehen und hören

Anfang März 2019 schließlich konnte ein bedeutender Meilenstein in der Entwicklung unserer Datenbank gesetzt werden – es ist nun möglich, einem Lied oder Instrumentalstück Noten beizugeben, die dann von der Datenbank dargestellt und abgespielt werden können. Gerade im Volkslied- und Volksmusikbereich, in dem ein einziges Lied oft auf viele verschiedene Melodien gesungen wurde und wird, indem ein- und dieselbe Melodie oft unter verschiedenen Namen firmiert (z. B. Dorfheimer Walzer = Leoganger Landler), ist dies ein riesiger Gewinn für die Recherche – jemand, der sich auf die Suche nach einem bestimmten Lied an uns Volksliedwerke wendet, sieht nun auf einen Blick und hört auf einen Klick, ob es sich um die gewünschte Version handelt. Auch der Musikwissenschaftler, der zu einem einzelnen Lied verschiedene Belege sucht und diese miteinander vergleichen will, hat nun, von außen kommend, einen schnellen Überblick über die verschiedenen Varianten – das Nebeneinanderlegen und mühsame Vergleichen von zehn verschiedenen Druckwerken und fünf verschiedenen Handschriften mit den jeweiligen Versionen eines einzelnen Liedes entfällt damit.

Der technische Hintergrund

Die in der Datenbank vorhandenen Noten werden in der so genannten ABC-Notation eingegeben. Dieses Notensatzsystem wurde Anfang der 1990er-Jahre vom englischen Informatiker und Musiker Chris Walshaw entwickelt (www.abcnotation.com). ABC-Notation ist ein freier Standard, der von vielen verschiedenen Programmen, viele davon freie Open-Source-Software, weiterverarbeitet werden kann.

„ABC-Notation ist ein System zur Notation von Musik in einem reinen Textformat. Entwickelt wurde es primär für die Notation von Folk- und traditioneller Musik westlichen Ursprungs.
Ein Ziel von ABC-Notation ist, auch für Menschen gut lesbar zu sein – dadurch unterscheidet sie sich von den meisten computerbasierten Notensatzprogrammen.“

www.abcnotation.com/about#abc, Übersetzung vom Autor

Die Tonleiter von c’ bis c’’ als Viertelnoten im Viervierteltakt lässt sich z. B. ganz einfach so darstellen:

M:4/4
L:1/4
C D E F | G A B c

Da ABC-Notation reiner Text ist, kann er von beliebigen  Programmen  eingelesen  und  verarbeitet werden – sie machen aus diesem Text dann z. B. ein PDF, ein JPG oder eine MIDI-Klangdatei. Die oben geschriebene Tonleiter würde dann so aussehen:

Wenige Zeilen ABC-Text, die nicht als separate Datei gespeichert werden müssen, sondern einfach in ein Datenbankfeld geschrieben werden, reichen www.volksmusikdatenbank.at aus, um Noten und MIDI-Klangdateien daraus erzeugen zu können – im Hintergrund der Datenbank werkelt dafür das Programm „abcjs“1, eine von Paul Rosen und Gregory Dyke entwickelte freie Open-Source-Software.

Ein Lied – viele Melodien

Sucht man in der Datenbank z. B. das heute noch  in Österreich und Bayern weit verbreitete Lied vom Edelweiß („Des schenste Bleamal …“)2, erhält man mehrere verschiedene Melodien, die bereits als ABC- Notation in der Datenbank erfasst wurden.

Phrasensuche (durch == am Anfang) nach dem normierten (d.h. in Schriftsprache eingegebenen) Liedanfang „Das schönste Blümlein“ auf www.volksmusikdatenbank.at, Datenpool Salzburg.

Die Suchanfrage „Liedanfang==Das schönste Blümlein“ (siehe Bild oben) liefert dann unter anderem die folgenden Suchergebnisse:

Lieder und Instrumentalstücke finden

Die Darstellung der Noten ist eine Sache, das Auffinden bestimmter Melodien nochmal eine andere. Einer Idee von Simon Haitzmann (Vorsitzende-Stellvertreter SVLW) folgend, haben wir ein relativ einfaches System entwickelt, mit dem Melodien dargestellt und gesucht werden können. Wir gehen dabei immer von der Grundtonart eines Liedes oder Stückes aus, z. B. C-Dur.  Jedem Ton der betreffenden Tonleiter wird nun eine Ziffer zugeordnet:

C=1, D=2, E=3, F=4, G=5, A=6, H=7,    c=1

(in D-Dur: D=1, E=2 etc.). Es gibt keine Pausen, kein Kreuz und B, keine Notenwerte, nur eine Zahlenfolge. Somit kann man tonartenunabhängig nach Melodien/verbreiteten Motiven suchen, man kann auch die Suche nach zwei Motiven kombinieren. Das „Edelweiß“ in der in Salzburg heute verbreiteten Melodie z. B. würde man unter www.volksmusikdatenbank.at mit folgender Abfrage (im Suchfeld „Fingerprint“) finden: *113531*

Die Sterne links und rechts sind so genannte Trunkierungen. Sie bedeuten, dass die Tonfolge auch mitten im Lied/Stück vorkommen  darf. Das „Edelweiß“ in der Version des Loigåmer Liederbuches (hrsg. vom Salzburger Volksliedwerk 2017) wird mit dieser Abfrage übrigens ebenso gefunden wie ein „Steyrer Tanz in G“ aus der Sammlung des Hallstätter Salzamtsschreibers Johann Michael Schmalnauer (1771–1845). Er weist die von uns gesuchte charakteristische Dreiklangsbrechung in der Tonika-Grundstellung in Takt 5 auf (siehe Abbildungen unten).

Steyrer Tanz in G, aus der Sammlung von Johann Michael Schmalnauer:

Das Edelweiß, in: Loigamer Liederbuch, hrsg. vom Salzburger Volksliedwerk, redigiert von Ilse Maria Grießenauer und Roswitha Meikl, Salzburg 2017:

Fazit

In Kombination mit allen anderen Suchmöglichkeiten (Personen, Orte, Zeiträume, Gattungen, etc.) ist www.volksmusikdatenbank.at nicht zuletzt durch die neuen Möglichkeiten der Melodierecherche und Notendarstellung ein äußerst mächtiges Recherchewerkzeug, das dem interessierten Laien und Sänger oder Instrumentalisten ebenso eine Fülle an Informationen und Materialien bietet wie dem Wissenschaftler, der gerade an einer umfassenden Quellenstudie arbeitet. Als nächsten Schritt haben wir uns eine optische Überarbeitung und Modernisierung von www.volksmusikdatenbank.at zum Ziel gesetzt – die Seite soll damit einerseits ansprechender, andererseits intuitiver und auch für User von Tablets  und anderen mobilen Geräten leichter bedienbar gemacht werden. Wir hoffen, www.volksmusikdatenbank.at bis zur Herbstausgabe dieser Zeitschrift in einem neuen Gewand präsentieren  zu können!

  1. www.abcjs.net [zuletzt: 19. März 2019]
  2. An dieser Stelle eine Bitte an alle interessierten LeserInnen: Sollte Ihnen eine weitere, besondere Melodievariante zum „Edelweiß“ bekannt sein, würden wir uns über einen Hinweis bzw. ein Notenbild (nebst Angaben zur Herkunft) an wolfgang.dreier-andres@salzburg.gv.at freuen!